100ste Kundgebung und Demonstration in Seoul

Am Samstag, 13. September, einige Minuten vor 16 Uhr, erreiche ich die Gwanghwamun-Station in der Nähe des Gwanghwamun-Platzes. Der Gwanghwamun-Platz ist ein zentraler Platz in Seoul in der Nähe von Regierungseinrichtungen. Auf ihm befinden sich Statuen des legendären koreanischen Königs Sejong und des Admirals Yi Sun-sin. Koreanische Bürger und Organisationen nutzen die Gegend um den Platz auch für Demonstrationen.

Ich gehe zum Ausgang 4. Ausgerüstet bin ich mit einer Kamera, mit der ich später die Fotos und die Aufnahmen für den kurzen Film am Ende dieses Blogbeitrages mache. Eine junge Frau mit einer palästinensischen schwarz-weißen Kefija huscht behende die Rolltreppen der U-Bahnstation hoch. „Da bin ich wohl am richtigen Ausgang“, denke ich. Tatsächlich befinded sich das Kyobo-Gebäude, vor dem die Kundgebung stattfinden soll, in unmittelbarer Nähe dieses Ausganges.

Viele Polizisten

Zunächst orientiere ich mich ein wenig, finde mich dann aber recht schnell vor dem Eingang der Kyobo-Buchhandlung ein. Ich bin überrascht über das große Polizeiaufgebot dort. Zunächst denke ich: Hier herrscht offenbar ein ähnliches
Missverhältnis wie in Deutschland: Viele Polizisten sollen offenbar eine kleine Zahl von Aktivisten, die gegen den Genozid im Gazastreifen demonstrieren, einschüchtern und in Schach halten.

Doch ich habe mich getäuscht. Es finden an diesem Tag mehrere Demonstrationen statt. Dafür also die vielen Polizisten. Man hört Lautsprecherwagen von allen Richtungen. Es gibt auch eine Demonstration gegen die Trump-Regierung.
Diese instruierte die für Zollfragen und innere Sicherheit zuständige amerikanische Behörde ICE. Die ICE nahm dann am 4. September in Savanna, im Bundestaat Georgia, etwa 300 koreanische Arbeiter wie Kriminelle fest. Sie warf den für Hyundai-LG Energy Arbeitenden vor, ihre Kurzzeit- und Reisevisa für längere Arbeitsaufenthalte missbraucht zu haben.

Es ist also einiges los in der Nähe des Gwanghwamun-Platzes an diesem Tag. Die 100ste Gaza-Kundgebung und -Demonstration seit dem 7. Oktober 2023 findet aber eher im Hintergrund statt. Dennoch füllt sich langsam der Platz vor dem Eingang zur Kyobo-Buchhandlung. Die meisten, die gekommen sind, dürften um die dreißig Jahre alt sein.

Auch die verschiedenen Redner, die abwechselnd auf Koreanisch, Englisch und Arabisch sprechen, dürften ihr vierzigstes Lebensjahr nicht überschritten haben. Die Impulse gehen offenbar heute mehr von der jüngeren Generation, von Studenten und jungen Lehrern aus. Über Kundgebungen und Demonstrationen gegen die ethnischen Säuberungen und Massaker im Gazastreifen in Seoul berichtete ich bereits im November 2024.

Ich setze mich an den Rand. Kurze Zeit später gesellt sich ein etwa gleichaltriger Mann aus den Philippinen zu mir. Er ist mit seiner Frau gekommen. Er war offenbar schon einige Male bei dieser Kundgebung gegen die ethnischen Säuberungen im Gazastreifen. Seine Frau arbeitete im Jahre 2006 in Duisburg. Beide sind Mitglieder einer Kirche, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnern kann.

Tatsächlich macht sich hier eine gewisse religiöse Atmosphäre bemerkbar: Man möchte sanft informieren und vielleicht auch missionieren. Es stehen einige Tische mit Informationsmaterial, Plakaten, und Unterschriftenlisten am Straßenrand und aus den Lautsprechern kommt gefällige Musik gegen Israels brutales Vorgehen im Gazastreifen.

Informationsvideo des koreanischen Forums für Solidarität mit Palästina

Ein Mitglied des Organisationskomitees reicht mir eine kleine Sitzmatte, ein Fähnchen und ein Plakat mit der Aufschrift „Free Palastine“. Kurze Zeit später spreche ich mit einem jungen italienischen Studenten, der zunächst zu mir meinte, er habe gehört, dass es verboten sei, als Ausländer in Korea zu demonstrieren.

Versammlung vor dem Eingang der Kyobo Buchhandlung

Die Redner wechseln sich ab. Es spricht unter anderem eine palästinensische Aktivistin, die in Südkorea promoviert und ein Ägypter. Die Ägypter in Korea seien die einzigen Araber, so vernehme ich, die mit dem Organisationskomitee kooperiert hätten. Eine palästinensische Lehrerorganisation habe sich auch an der Kundgebung und Demovorbereitung beteiligt. Die Palästinenser seien unverwüstlich. Sie leisteten 80 Jahre Widerstand. Israel dürfe überall ungestraft andere Länder angreifen, und nun habe sich die UN-Generalversammlung für eine unrealistische Zwei-Staaten-Lösung ausgesprochen. Die USA spielten sich als Weltpolizist auf, würden sich dabei selbst nicht an die für andere aufgestellten Regeln halten und einen Genozid unterstützen. Es gebe Parallelen zwischen dem palästinenischen Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit unter israelische Besatzung und dem Streben der Koreaner nach Unabhängigkeit unter japanischer Besetzung. Schließlich meint ein Sprecher, dass die Menschen in Gaza dem Organisationskomitee mitteilten, dass sie durch die Solidaritätsbekundungen in Korea neue Kraft schöpfen könnten.

Das philippinische Paar verläßt den Platz. Kurz nach fünf ist es recht still geworden. Von den anderen Demonstrationen ist nichts mehr zu hören. Der Demonstrationszug setzt sich in Bewegung. Der Zug marschiert zur israelischen Botschaft. Dann geht es auch durch Einkaufstraßen in Myongdong, einem teuren, von Touristen viel besuchten Stadtteil. Die Passanten schauen erstaunt und irritiert auf den lärmenden Zug.

Vor der israelischen Botschaft

Die Demonstrierenden skandieren unter anderem: „Stop, stop Genocide“, „이스라엘은 가자 학살 당장 멈춰라“, „Stop bombing Gaza“, „From the river to the sea, Palestine will be free“, „Free, free Palastine“, „Israel, Terrorist, Netanjahu, Terrorist “ oder „Down, down Israel. Up, up Palestine“.


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