In Berlin fand am 19. Juli eine Kundgebung auf dem Breitscheidplatz statt. Das ist der Platz in der Nähe der symbolträchtigen, im Zweiten Weltkrieg zu großen Teilen
zerstörten Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Ich reiste einige Tage zuvor aus Südkorea nach Deutschland und besichtigte zuvor verschiedene Sehenswürdigkeiten in Frankfurt und Berlin.

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
Es kamen vielleicht zweihundert bis vierhundert Aktivisten, die sich für die Sache der Palästinenser und gegen den Genozid der israelischen Armee aussprachen, und ebenso erschienen ein Dutzend israeltreuer Fahnenträger, die in der Ferne ihre Banner schwenkten.

An diesem Tage aber setzte ich mich zunächst auf den Beckenrand des dortigen Springbrunnens, beobachtete das Geschehen und sprach kurz mit einer neben mir sitzenden, etwa 65jährigen Frau. „Das riesige Polizeiaufgebot“, gab ich ihr zu verstehen, „steht hier im Missverhältnis zu der Zahl der anwesenden Aktivisten“. Daraufhin entgegnete sie aufgebracht, dass die Anzahl der patroullierenden Polizisten genau richtig sei. „Hier nehmen viele Extremisten und Chaoten teil, es hat vor kurzem Krawalle gegeben. Da kann es nicht genug Polizisten geben“, entgegnete sie mir.
Meine Vermutung war, dass die anwesenden Demonstranten zwar durchaus lautstark, aber friedlich ihre Ansichten vertreten. Doch ich konnte sie nicht verifizieren, denn ich kannte mich nicht aus, was in Berlin zuvor passierte. Daher ließ ich mich mit ihr nicht auf eine Diskussion ein. Kurze Zeit später hörten wir Schreie in der Nähe des Lautsprecherwagens. „Da, sehen Sie, es geht schon los“, gab die Frau zu verstehen. Es war allerdings nicht klar, wer, warum geschrien hatte. Ich hatte eher den Eindruck, dass sich die Polizei herausfordernd einmischte und eine laute Reaktion einiger Demonstranten provozierte.
Aktion und Reaktion
Allerdings hatte es, wie ich später erfuhr, auf einer früheren, in diesem Jahr stattfindenden Palästinademonstration durchaus Gewalttaten gegeben. Diese dürften jedoch die Ausnahme gewesen sein. Zudem berichten die Medien nicht, wie diese zustande kamen, ob etwa militante israelische Aktivisten einen Anlass gaben. Manchmal, so vermute ich, mischen sich bei diesen Demonstrationen auch Personen aus dem militanten linken Spektrum unter die Demonstranten.

Eine Geschichtslehrerin, die in den achtziger Jahren einige Jahre in Israel gearbeitet hatte, meinte vor der Kundgebung zu mir, dass kürzlich von einem Juden Gewalt ausging, und zwar von einem Mitglied der Vereinigung „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“. Er habe deutlich seinen Unwillen am brutalem Vorgehen Israels gezeigt. Die Gegenseite provoziere die Aktivisten oft, erklärte die Lehrerin. Das sei Strategie. Die Presse berichte dann nicht über diese Provokationen, sondern über die zuweilen aufgebrachten Reaktionen der palästinensischen Unterstützergruppen.

Tatsächlich hatte ich auf der Kundgebung keine Person gesehen, die durch Gewalt auffiel. Die meisten der teilnehmenden Palästinenserinnen hielten sich auch verbal zurück; einige schrieen ihren Unmut, ihre Verzweiflung und Verbitterung über die israelische Politik der verbrannten Erde heraus. Das konnte ich nur allzugut nachvollziehen, denn viele hatten Verwandte in Gaza, die dort in zerbombten Gebäuden in der Hitze hungern. Ich selber schämte mich, nur ungenügend und schwach gegen diese Politik zu protestieren, sogar Teil einer Maschinerie zu sein, die diese ermöglichte und unterstützte.


Einen Tag später fand dann eine Demonstration ausgehend von der gegenüber-liegenden Seite des Schlossplatzes statt. Der Zug setzte sich um etwa 15.15 Uhr in Bewegung, und es ging zunächst über die Straße „Unter den Linden“, kurz vor dem Brandenburger Tor machte er einen Rechtsschwenk durch die Wilhelmstraße und dann schritten die Teilnehmer durch die Scheidemannstraße am Reichstag vorbei. Es nahmen deutlich weniger Personen teil als noch vor einem Monat .
Vor Beginn des Demonstration meinte ein Sprecher – eigentlich eine Selbstverständlichkeit -, dass alle Demonstranten sich friedlich verhalten sollten. Bestimmte Parolen dürften sie nicht skandieren. Dazu zähle etwa „Death, death to the IDF“ oder „Netanjahu Kindermörder“ – „Kindermörder Israel“ oder „Frauenmörder Israel“ sei dagegen erlaubt.
„Take your hands off Palestine, take your hands of Lebanon, take your hands off Syrien (sic), take your hands off Yemen.“
Ich unterhielt mich mit einem anderen Demonstranten, der sein Unverständnis zeigte über das Verbot, Netanjahu im Zusammenhang mit Kindermord zu nennen. Mir war ebenso nicht klar, aufgrund welcher rechtlichen Grundlage man diese Parole nicht rufen dürfe. Ist der israelische Ministerpräsident deutscher Staatsbürger, den die deutsche Polizei gegen „Beleidigung“ zu schützen hat?
Andererseits griffe wohl niemand der anwesenden Polizisten ein, wenn ähnliche Parolen im Zusammenhang mit Wladimir Putin skandiert würden. Andere Wahlsprüche waren „Gaza, Gaza blutet still, weil die Welt nicht hören will“, „Nakba, Nakba, no more“, „Occupation, no more“, „Hoch, die internationale Solidarität“, „Deutschland finanziert, Israel bombardiert“, „Viva, viva, Palestina“, „Netanjahu, you will see, Palestine will be free“ und der Standard: „Free, free, Palestine“.

Frauen neben Polizeiwagenkolonne im Regierungsviertel
Wieder war die Polizei stark vertreten, insbesondere als sich der Demonstrationszug durch das Regierungsviertel bewegte. Obwohl Kritik an Israels Politik der Apartheid und ethnischen Säuberung in Deutschland teilweise einen kriminellen Beigeschmack hat, war ich andererseits doch froh, dass es zumindest noch möglich war, protestierend durch das Zentrum der Macht in Deutschland schreiten zu dürfen.
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